schweigen
“Schweigen ist ein köstlicher Genuß, aber um ihn ganz auszuschöpfen, muß man einen Freund haben; allein ist man nur stumm.” (K.H. Waggerl)
Wieviele Menschen in unseren hochzivilisierten Städten fühlen das sie schon knapp an der Grenze zum Wahnsinn stehen? Oft wissen sie keinen anderen Ausweg, als irgendwie die Flucht vor der Verantwortung zu ergreifen. Entweder begehen sie Selbstmord, oder sie werden kriminell, oder sie verfallen den Suchtgiften, bestenfalls flüchten sie in eine einsame Gegend, wo sie in einer kleinen Gemeinschaft ein neues Leben aufbauen können. Der Grund dafür ist die Einsamkeit. Sie sind allein. Sie haben keine Freunde. Sie sind stumm. Stumm allerdings nicht im Sinne der Unfähigkeit zu sprechen. Nein, denn die Menschen reden viel zu viel. Sondern stumm im Sinne einer nicht vorhandenen mitmenschlichen Beziehung.
Wir leben für uns allein. In unseren Nachbarn sehen wir niemand anderen als einen, der mit uns am gleichen Arbeitsplatz steht, der mit uns im gleichen Haus wohnt. Aber wir kümmern uns nicht um ihn. Im engsten Privatbereich sieht es auch nicht anders aus. Zwar hat die Gesellschaft dem Menschen das Gebot gestellt, sich ständig mitzuteilen, andauernd mit anderen zu sprechen. Es ist heute Mode geworden, möglichst viel über alles zu reden. Daß dabei der innere Gehalt der Redereien auf ein Minimum reduziert wird, bedenken wohl die wenigsten. Wir verflachen dadurch und haben es verlernt, uns mit unseren Mitmenschen geistig zu verständigen. Deshalb geraten wie in die traurige Versuchung, stumm zu werden.
Die Welt die uns umgibt, besteht zu einem großen Teil aus Beton. Und fast scheint es, als würden wir selber auch zu Beton werden. Jeder kapselt sich immer mehr von der Umwelt ab. Er zieht sich zurück. Die Einsamkeit, die Verlassenheit, das Alleinsein bestimmen uns. Und dabei verhärten wir unser Inneres. Wir sind von sehr vielen Menschen umgeben. Aber wir haben die Fähigkeit fast schon verloren, nach der wichtigsten Verpflichtung des Menschen zu leben. Eine Verpflichtung, die noch viel mehr die Haupteigenschaft des Menschen ist: daß der Mensch nämlich wesentlich Mitmensch ist und auch danach leben soll.
Dies bedeutet, daß ein Mensch nie für sich allein leben kann, sondern daß er für den anderen da ist. Es ist ja eine Ureigenschaft eines jeden mit anderen zu leben und sich auch anderen zu schenken. Denn Nächstenliebe ist nichts anderes, als sein eigenes Ich einem Mitmenschen anzuvertrauen.
Gibt es noch Leute, die echt leben, die versuchen sich mit dem Nächsten zu beschäftigen? Und gibt es die noch die behaupten können sie hätten einen wahren Freund? Nicht einen Kameraden, mit dem sie sich beim Fussballspielen treffen, sondern einen wahren Freund, der ihnen ein Anliegen ist. Zwei Freunde sind Menschen, die versuchen einander zu verstehen, die sich dabei gegenseitig öffnen, die ihr eigenes Ich anbieten. Dabei ist es gar nicht notwendig viel zu reden.
Im Gegenteil; man kann einen Freund haben, mit dem man gar nicht oft und überhaupt nicht viel gesprochen hat (aber wenn dann intensiv). Man kann sehr wohl neben einem Menschen sitzen, schweigen und ihn trotzdem verstehen. Denn schweigen heißt zwar, daß man nicht redet, im Gegensatz zum stumm sein, teilt man sich jedoch mit. Dabei kommt noch zum Tragen, daß ein Stummer auch abstumpft, während das Schweigen Gefühl beinhaltet.
Man darf nicht die gewechselten Worte zählen, und ab einer gewissen Anzahl feststellen, man habe eine Freundschaft geschlossen. Es kommt ganz einfach auf die Stellung an die man zu sich selbst und zu seiner Umwelt einnimmt. Wichtig ist allein die Beziehung zum Mitmenschen, ein Verhältnis das durch die Nächstenliebe bestimmt sein soll. Das Gespräch spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
Es ist also unsere Aufgabe, uns immer wieder auf die Nächstenliebe zu besinnen. Wir müssen dauernd vor Augen haben, das kein Mensch nur für sich leben darf, sondern das er erst dann überhaupt zu einem Menschen wird, wenn er sich selbst in den Hintergrund stellt und dafür seinen Nächsten als das Wichtigste ansieht. Das setzt voraus, das wir bereit sind, uns anderen zu öffnen und uns anderen anzubieten. Freilich muss das nicht mit lautstarken Tönen und viel Gerede geschehen. Denn dann erreichen wir nichts und bleiben in derselben Situation. Wir sollten lernen, uns wieder über die Schweigsamkeit auf den Nächsten zu besinnen. Denn sonst sind wir allein und stumm und verfehlen unser Ziel.
Armin Steppan, Innsbruck 1972